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Pro Tagliamento - Pro Friuli 
 
Der "König der Alpenflüsse" vor seinem Ende?

Der "Fiume Tagliamento" in Italien (Friaul-Julisch Venetien) ist die letzte ausgedehnte Wildflusslandschaft im gesamten Alpenraum, in der flussdynamische Prozesse noch grossräumig ablaufen. Zu Recht wird er als der "König" der Alpenflüsse bezeichnet, und er gilt als Referenzökosystem von europäischer Bedeutung. Sein 150 km2 grosser Korridor ist geprägt durch ausgedehnte Schotterflächen (50 km2) und die grosse Vielzahl an gehölztragenden Inseln (11 km2). Beide Landschaftselemente zählen europaweit zu den gefährdesten Lebensräumen.


 
 

Photo (K. Tockner):
Jener Abschnitt der in ein riesiges Retentionsbecken umgewandelt wird. Die Retentionsbecken reichen bis zur Mitte des aktiven Flusslaufes (linkseitig). Der aktive Korridor ist 1.0 -1.5 km breit.

In ganz Europa findet derzeit ein Umdenkprozess im Hochwasserschutz statt: Mehr Platz für Flüsse und Bäche. Am Tagliamento hingegen droht die Zerstörung der letzten ausgedehnten Auflächen - im Rahmen eines Hochwasserschutzprojektes. Die Regierung der Region Friaul-Julisch Venetien hat beschlossen im Mittellauf des Tagliamento insgesamt 14 km2 grosse Hochwasserretentionsbecken zu schaffen. Es werden über 30 Millionen m3 Material, hauptsächlich Schotter, in einem 7 km langen und 2 km breiten Auenbereich entnommen. Die Retentionsbecken sollen die Stadt Latisana im kanalisierten Unterlauf vor künftigen Hochwasser schützen (bis 100-jr. HW). Die Bevölkerung der Anliegergemeinden ist gegen dieses Grossprojekt, die Regierung will es aber jetzt mit aller Macht und so rasch wie möglich umsetzen.



(Foto: HFA)

Durch dieses Projekt werden:
  • die natürliche Rückhaltefunktion einer weitgehend unbeeinflussten Aulandschaft durch ein künstliches Rückhaltebecken ersetzt
  • eine der ökologisch wertvollsten Abschnitte entlang des Tagliamento unmittelbar zerstört, mit weitreichenden Folgen auch für die flussauf- und flussabgelegenen Aulandschaften
  • der Flussquerschnitt massiv eingeengt, was wiederum die Speisung des mächtigen Grundwasserkörpers der fruchtbaren friulanischen Ebene negativ beeinflusst. Im Projektabschnitt versickern natürlicherweise bis zu 70 m3/sec im Sediment.
  • auch zukünftig die Stadt Latisana nicht vor grossen Hochwassern geschützt, da es nur auf ein derzeit 100-jr. Ereignis ausgerichtet ist (vgl. Hochwasser in Mitteleuropa 2002).

Als alternative wirkungsvolle und nachhaltige Hochwasserschutzmassnahmen kommen eine Verbreiterung des Fussquerschnittes und/oder die Schaffung eines Entlastungsgerinnes bei Latisana in Betracht. Diese Vorschläge werden auch seitens der planenden Behörde (Autoritá di Bacino, Vendig) als wirkungsvollste und beste Massnahmen anerkannt. Die Regierung will jedoch mit aller Macht und allen Mitteln die Retentionsbecken bauen, womöglich weil weitere Interessen (etwa Schottergewinnung) im Spiel sind.

Der nachhaltige Schutz der letzten grossen Wildflusslandschaft in den Alpen stellt eine Nagelprobe für das geplante Gewässerprotokoll der Alpenkonvention und für die EU-Wasserrichtlinie dar. Es muss in aller Interesse liegen, eine nachhaltige Lösung für diese einzigartige Flusslandschaft, bei gleichzeitigem Schutz der Bevölkerung von Latisana vor Hochwasser, zu finden. Auenschutz ist Hochwasserschutz!

Der Tagliamento verdient unbedingten Schutz, etwa im Rahmen eines Biosphärenparks mit den Anliegergemeinden als dessen wichtigste Trägerorganisationen. Bitte unterstützen Sie diese Bestrebungen und helfen Sie den "König der Alpen" auch für die Zukunft zu erhalten.

Seit 4 Jahren werden im Rahmen eines internationalen und transdisziplinären Projektes, unter Federführung der EAWAG, wissenschaftliche Untersuchungen entlang des Tagliamento durchgeführt. Die gewonnenen Erkenntnisse untermauern nicht nur den Wert dieser Flusslandschaft sondern unterstützen auch die Planung grosser Renaturierungsprojekte im gesamten Alpenraum.

Kontakt: Dr. Klement Tockner, EAWAG, Postfach 611, CH-8600 Dübendorf. Tel.: 0041 1 823 5616, Fax: 0041 1 823 5315, E-mail: klement.tockner@eawag.ch

(Foto: HFA)


 

 

 
 

 
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