Gewässerökologische Begleitplanung Enns Lehen - Aich

BearbeiterInnen:
Severin Hohensinner, Susanne Muhar
Verantwortlich für den Inhalt dieses Artikels:
DI Severin Hohensinner [Institut f. Hydrobiologie u. Gewässermanagement, Universität f. Bodenkultur Wien]
Bearbeitungszeitraum: 5.1. 2004 - 31. 7. 2004
Beauftragt von: Amt der Steiermärkischen Landesregierung
Letzte Änderung: 13.12.2006

Gewässerökologie und Freizeitnutzung - kein Widerspruch
Rückbaumaßnahmen als Chance für den Lebensraum der Enns zw. Lehen und Aich-Assach

Die ursprüngliche Enns - ein dynamischer Lebensraum

"Ziemlich reißend“ und zu Laufverlagerungen neigend - so wird die Enns flussauf von Liezen noch zu Beginn des 19. Jhdts. von Zeitzeugen beschrieben. Durch den breiten Talboden begünstigt, teilte sie sich an manchen Stellen in mehrere - durch Schotterbänke und bewachsene Inseln - voneinander getrennte Flussarme. Mit ihren seicht überströmten Schotterbänken, Tiefwasserbereichen, umgestürzten und fortgeschwemmten Bäumen, flach abfallenden Innenufern (Gleitufer) und steilen Außenufern (Prallufer) bot die ursprüngliche Enns zahlreichen - heute zum Teil vom Aussterben bedrohten - Fisch- und Vogelarten ideale Lebensbedingungen.

Vom intakten Lebensraum zum heutigen Fluss

Durch die Regulierungsarbeiten im 19. und 20. Jhdt. sind nicht nur die meisten für die ursprüngliche Lebensgemeinschaft der Enns notwendigen Gewässer- und Landschaftsstrukturen verschwunden, sie führten auch zu einer zunehmenden Abtrennung des Flusses von seinem natürlichen Umland. Zwar folgt die Enns zwischen Lehen und Aich auch heute noch großteils ihrem natürlichen Lauf, doch weist sie mit einer mittleren Breite von ca. 20 m nur mehr ein Drittel ihrer ehemaligen Breite auf. Diese „Einengung“ des Enns-Lebensraumes, verbunden mit für Fische unpassierbaren Hindernissen in Zubringerbächen und verschiedenen durch Kleinkraftwerken bedingten Beeinträchtigungen, macht sich zunehmend im Rückgang oder zum Teil sogar Verschwinden vieler Tier- und Pflanzenarten bemerkbar.

Fische - verlässliche Indikatoren für den ökologischen Zustand

Die Fischfauna ist ein verlässlicher Indikator für den Grad der ökologischen Funktionsfähigkeit eines Gewässers. Durch ihre vielfältigen und im Verlauf des Lebenszyklus stark differierenden Ansprüchen an die Strukturausstattung des Lebensraumes, kommt der Fischfauna ein hoher Zeigerwert für den Gesamtzustand eines Gewässersystemes zu. So zählen strömungsliebende Fische, wie Bachforelle, Äsche, Koppe, Huchen und Neunauge zu jenen Arten, welche sehr sensibel auf geänderte Umweltbedingungen (z.B. Verlust an Laichplätzen, geschützten Einständen für Jungfische oder Hochwasser-Refugien) reagieren.

Das gewässerökologische Leitbild

Regulierungsmaßnahmen - zwar notwendig und sinnvoll, aber in der Vergangenheit vielfach in ihrer Ausführung und Dimension überzogen - stehen heute auf Grund des besseren Verständnisses der komplexen ökologischen Zusammenhänge von Gewässerlebensräumen und Flusslandschaften vielerorts wieder zur Diskussion. Um jedoch eine nachhaltige Entwicklung von ökologisch ausgerichteten Rückbaumaßnahmen an Flüssen zu gewährleisten, empfiehlt es sich, diese am ursprünglichen Flusstyp zu orientieren („gewässertypisches Leitbild“). Dabei können freilich die historischen Verhältnisse nicht mehr vollständig wiederhergestellt werden. Jedoch wird unter Berücksichtigung der heutigen naturräumlichen, gesellschaftlichen sowie ökonomischen Rahmenbedingungen versucht, die ehemals typischen Funktionen und dynamischen Prozesse des Flusslebensraumes zumindest in Teilbereichen wieder zu ermöglichen.

Vorschläge für den Rückbau der Enns von Lehen bis Aich

Die Enns und ihr Umland bietet gerade im Abschnitt Lehen – Aich ein hohes Potential für Rückbaumaßnahmen, da hier die kraftwerksbedingten Beeinträchtigungen (Wehre, Schwallbetrieb, Wasserausleitungen, ...) im Vergleich zu anderen Enns-Abschnitten relativ gering sind. Das „Instandhaltungs- und Pflegeprogramm für die Enns Lehen - Aich“, welches vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement (IHG) der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) im Auftrag der Stmk. Landesregierung, Fachabteilung 19B ausgearbeitet wurde, hat sowohl kleinräumige Strukturierungsmaßnahmen des Flussbettes und der direkten Uferzonen als auch großflächigere Maßnahmen unter Einbeziehung des Umlandes und der Zubringerbäche zum Ziel.
Zur kleinräumigen Verbesserung der Gewässerstrukturierung bieten sich unter anderem folgende Maßnahmen an:

• Abflachen bzw. geringfügige Verbreiterung der Uferzonen
• Ersetzen „glatter, monotoner“ Uferschutzbauten durch „aufgelockerte, heterogene“ Ufersicherungen an gefährdeten Außenufern (Prallufer)
• Entfernung des Uferschutzes an weniger gefährdeten Innenufern (Gleitufer)
und Ermöglichung seitlicher Erosion der Ufer
• Einbau von Holzstrukturen (Wurzelstöcke, Raubäume)
• Verlagerungen der Mündungen einiger Bäche
• Neuanlage bzw. Ergänzung des Ufergehölzsaumes

Die hier angeführten kleinräumigen Maßnahmen können zum Großteil auf öffentlichen Grundstücken vorgenommen werden und sind daher kurzfristig umsetzbar. Im Gegensatz dazu ist für die Durchführung der meisten größeren Maßnahmen die Einbindung von privaten Grundstücken notwendig, wodurch auf Grund der erforderlichen Ablöseverhandlungen längere Umsetzungszeiträume zu erwarten sind.
Im einfachsten Fall ermöglichen Verbreiterungen des bestehenden Flussbettes die Entwicklung neuer Schotterbänke, Schotterinseln und Flachwasserbereiche. Diese Maßnahmen bieten sich besonders in jenen Flussabschnitten an, wo zugleich auch eine stärkere Krümmung vorhandener Flussbögen erreicht werden kann. Hier sind ideale Voraussetzungen für die Entstehung flach auslaufender Gleitufer und steil abfallender Prallufer gegeben, wie sie für die Enns natürlicherweise typisch waren.

Einige Abschnitte der Enns bieten sich besonders für die Ausbildung von gewässertypischen Flussverzweigungen an. So z.B. bei der Einmündung des Ennslingbaches oder zwischen der Gradenbach-Mündung und den Ortschaften Aich - Assach ähnlich der historischen Situation vor der Enns-Regulierung. Hier könnten langfristig mehrere Nebenarme und Inseln geschaffen sowie die Ausbildung von Altarmen initiiert werden. Sowohl auf den neu entstandenen Inseln als auch im näheren Umland der Enns soll dabei so weit als möglich die Entwicklung standorttypischer Auwälder ermöglicht werden.

Die Umsetzung - Schritt für Schritt

Die Umsetzung dieser Maßnahmen ist jedoch nicht auf einmal im Zuge eines großen Bauvorhabens vorgesehen, sondern vielmehr schrittweise in Absprache mit der Bevölkerung und den Grundbesitzern bzw. Anrainern. Dies setzt vor allem auch die Zustimmung und finanzielle Einigung mit den betroffenen Grundstückseigentümern voraus. Um flexibel auf die Wünsche der Bevölkerung einzugehen, können die vorgeschlagenen Maßnahmen - abhängig von Flächenverfügbarkeit und gewässerökologischen Gesichtspunkten - auch in anderen standörtlich vergleichbaren Bereichen an der Enns ausgeführt werden.
Ziel des gesamten Rückbauprojektes ist nicht nur die teilweise Wiederherstellung des Gewässerlebensraumes der Enns und ihres Umlandes, sondern auch eine Attraktivierung der gesamten Flusslandschaft als naturnaher Freizeit- und Erholungsraum für die Menschen und letztendlich auch als touristische Attraktion.


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